Alles führt zum Guten

In einem kleinen, aber wohlhabenden Fürstentum, das wie eine Perle zwischen zerklüfteten Bergen lag, herrschte König Albrecht. Sein Reich war ein Hort des Friedens, während ringsum Konflikte tobten. Seine Untertanen schrieben dies seiner Weisheit zu, doch Albrecht wusste es besser. Der wahre Architekt dieses Friedens war Konrad, sein erster Ratgeber und Freund seit Kindertagen. Konrad war ein stiller Mann, dessen scharfer Verstand durch eine unerschütterliche Ruhe ergänzt wurde. Er hatte jedoch eine Eigenart. die den pragmatischen König oft an den Rand der Verzweiflung brachte. Sein unerschütterlicher Glaube, dass alles, was geschieht, einem höheren Zweck dient. “Was auch geschieht, mein König”, pflegte er zu sagen, es geschieht letztlich zum Guten. An einem kühlen Herbstmorgen bereitete sich der Hof auf die jährliche königliche Jagd vor. Albrecht, stolz und in seinem Element, prüfte persönlich die Ausrüstung, als er sein kunstvoll verziertes Jagdmesser aus der Scheide zog, um dessen Schärfe zu bewundern. Er schrag sein Lieblingsfalke auf der Stange neben ihm durch den plötzlichen Schrei eines Pfaus. Mit einem wilden Flügelschlag verlor der Vogel das Gleichgewicht und seine Krallen schlugen gegen die Hand des Königs. Vor Schreck zuckte Albrecht zurück und die scharfe Klinge des Messers schnitt ihm sauber die Spitze seines kleinen Fingers ab. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, gefolgt von einem Wutschrei. Während die hofärzte herbeieilten, um die blutende Wunde zu versorgen, trat Konrad an seine Seite. Sein Gesicht blieb ruhig, als er mit seiner gewohnten Gelassenheit sagte: “Was auch geschieht, es geschieht zum Guten. Diesmal war es zu viel.” Albrechts Gesicht lief rot an. Zum Guten brüllte er und seine Stimme halte durch den Schlosshof. Ich habe einen Teil meines Fingers verloren. Meine Hand ist entstellt und ihr wagt es von etwas Gutem zu sprechen. Eure gleichgültige Philosophie ist eine Beleidigung für meinen Schmerz. Wachen ergreift diesen Mann. Werft ihn in den kältesten Kerker unter dem Nordturm. Konrad verbeugte sich leicht, ohne ein Wort des Protests und ließ sich abführen. Sein Blick blieb undurchdringlich. Am nächsten Tag, noch immer von Zorn und Schmerz geplagt, beschloss der König allein auszureiten. Er wollte seinen Kopf frei bekommen und ritt tiefer als je zuvor in den Düsterwald. Ein uraltes düsteres Dickicht, das selbst erfahrene Jägermieden. Der Wald wurde immer dichter, das Licht schwand und bald hatte Albrecht die Orientierung verloren. Plötzlich raschelte es im Unterholz und schattenhafte Gestalten umzingelten ihn. Es waren die Anhänger eines vergessenen blutrünstigen Kultes, der in den Tiefen des Waldes überlebt hatte. Ohne ein Wort zerrten sie den König vom Pferd und schleppten ihn zu einer moosbewachsenen Steinkonstruktion. Wisst ihr nicht, wer ich bin? Ich bin euer König. Lasst mich sofort frei! Rief er, doch seine Worte verhalten ungehört. Für die Kultisten war er kein Herrscher, sondern nur ein Körper, ein Opfer für ihre finsteren Götter. Sie rissen ihm die königlichen Kleider vom Leib. und bereiteten ihn für das Ritual vor. Doch als der Hohepriester des Kultes den zitternden König für die Opferung untersuchte, erstarrte er. Er zeigte auf Albrechts bandagierte Hand. “Er ist unvollkommen”, rief der Priester mit Abscheu in der Stimme. “Ein fehlerhaftes, unvollständiges Opfer wäre eine schwere Beleidigung für unsere Götter. Es würde ihren Zorn über uns bringen. Wütend und angewidert von dieser Unreinheit bewarfen sie den König mit Schmutz und jagten ihn aus ihrem Lager. Verletzt, beschmutzt und zutiefst erschüttert, aber am Leben, fand König Albrecht nach Stunden des Umherirrens den Weg zurück ins Schloss. Sein Zorn war wie weggewaschen, ersetzt durch eine tiefe, demütige Einsicht. Sein erster Befehl war nicht nach einem Bad oder Essen zu verlangen, sondern lasst Konrad frei und bringt ihn zu mir. Später saßen die beiden in der königlichen Bibliothek am knisternden Kamin. “Ihr hattet recht, mein alter Freund”, sagte der König leise und betrachtete nachdenklich seine bandagierte Hand. Mein verletzter Finger, diese scheinbare Katastrophe hat mir das Leben gerettet. Aber erklärt mir eines bei aller Logik, welchen höheren Zweck hatte es, dass ihr eine Nacht in der Kälte und Dunkelheit des Kerkers verbringen musstet? Konrad blickte ins Feuer. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. “Majestät”, antwortete er ruhig. “Wäre ich nicht im Kerker gewesen, hätte ich euch gestern auf eurem Ausritt begleitet, wie ich es immer tue.” Und wie ihr wisst, er hob kurz seine Hände. Sind meine Finger alle unversehrt? Der König schwieg lange. Das Knistern des Feuers war das einzige Geräusch im Raum. Er verstand. Manchmal ist ein scheinbares Unglück nur ein verborgener Segen. Und das große Ganze der Ereignisse erschließt sich uns erst mit der Zeit, wenn die losen Fäden des Schicksals zu einem verständlichen Muster verwoben sind.

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