Zweites Glück

Zweites Glück

Die ersten Wochen mit dem Welpen, den Ingrid auf den Namen “Flux” taufte, lateinisch für Fluss oder Wandel, waren eine Mischung aus unbeholfener Fürsorge und unerwarteter Freude. Flux Anwesenheit zwang Ingrid in einen neuen Rhythmus, der aus frühmorgendlichen Spaziergängen im Park und dem leisen Klappern eines Fressnapfes bestand. Bei einem unumgänglichen Besuch beim Tierarzt, einem pragmatischen Mann mittleren Alters, erfuhr sie von der chronischen Überlastung des örtlichen Tierheims. Der Arzt, während er Flux Impfpass ausfüllte, bemerkte beiläufig, wenn sich nur jeder so kümmern würde, die meisten Leute wollen ein unkompliziertes Jungtier, keines mit Geschichte. Dieser Satz achtlos Dahingesagt pflanzte einen Samen in Ingrids Bewusstsein. Angetrieben von einer neuen Neugier, die sie seit Jahren nicht mehr verspürt hatte, fuhr Ingrid zum Tierheim. Der Lärm, der Geruch und die Schiere menge an bellenden, miauenden Schicksalen in den Zwingern und Gehegen waren überwältigend. Ihr erster Impuls war Flucht. Doch dann sah sie in die Augen der Tiere. Sie sah nicht nur die Hunde, sondern auch die Katzenstation, wo unzählige Samtpfoten mit müden Augen saßen, unbemerkt vom Strom der Besucher, die nach verspielten Kätzchen suchten. Sie begann ehrenamtlich zu arbeiten. Ingrids Stärke war ihre unendliche Geduld. Sie wurde zur Spezialistin für die an unsichtbaren, die traumatisierten Hunde, die scheuen Katzen. Stundenlang saß sie einfach nur vor einem Zwinger und las leise vor, oder sie verbrachte den Nachmittag im Katzenhaus, ohne ein Wort zu sagen, bis eine verängstigte Katze es wagte, sich aus ihrem Versteck zu trauen. Hier in der stillen Gesellschaft dieser vergessenen Seelen entdeckte sie die größte Tragödie des Tierheims. Die alten Hunde und Katzen, deren Besitzer verstorben waren und die nun ohne Hoffnung auf Vermittlung ihre letzten Jahre hinter Gittern verbrachten. Eines Abends, als sie zu Hause Flux beobachtete, der zufrieden schnarrchend in seinem Korb lag, fügte sich das Puzzle in ihrem Kopf zusammen. Auf der einen Seite die einsamen alten Tiere, auf der anderen Seite die unzähligen, einsamen alten Menschen in ihren Wohnungen. Sie würde kein Tierheim bauen, sie würde Brücken errichten. Die entwarf einen Flyer mit einer kraftvollen Überschrift: Senioren für Senioren. Ihre Idee, sie wollte gezielt ältere Menschen mit älteren ruhigen Tieren zusammenbringen, die sich nach nichts mehr sehnten als nach einem warmen Platz und einer sanften Hand. Ihr erster Fall war Herr Weber, ihr Nachbar aus dem dritten Stock, ein pensionierter Buchhalter, der seit dem Tod seiner Frau das Haus kaum noch verließ. Mit klopfendem Herzen sprach Ingrid ihn an und schlug ihm senta vor, eine zwölfjährige Schäferhünd nach anfänglichem, schroffen Widerstand und Ingrids Zusung, es sei nur auf Zeit, willigte er ein. Als sie eine Woche später nach dem Rechten sah, fand sie die beiden auf dem Sofa sitzend vor dem Fernseher. Herr Weber kraulte Santa hinter den Ohren und erklärte mit ernster Miene, dass der Hund eine spezielle Diät benötige, die er bereits besorgt habe. Von einer Rückgabe war keine Rede mehr. Ihr nächster Erfolg war leiser, aber nicht weniger tiefgreifend. Frau Schmidt aus dem Erdgeschoß, eine zierliche Dame, die sich nach einem Sturz kaum noch aus der Wohnung traute, vermisste die Wärme eines Haustieres, doch die Verantwortung für einen Hund schreckte sie ab. Ingrid stellte ihr Moritz vor, einen stattlichen schwarzen Kater, dessen Besitzerin ins Pflegeheim umziehen musste. Moritz war ein ruhiger Charakter, der nichts mehr liebte, als auf einem warmen Schoß zu dösen. Zwei Tage später rief Frau Schmidt Ingrid an, ihre Stimme bröchig vor Glück. “Er schnurrt, Frau Jansen,” sagte sie. “Wissen Sie, wie lange ich kein Schnorren mehr gehört habe? Ein Jahr später stand Ingrid wieder am Hauptbahnhof, aber sie war nicht mehr der unsichtbare Geist von einst. Sie telefonierte geschäftig, koordinierte die Ankunft eines Tiertransports aus dem Süden und gleichzeitig die Abholung einer alten Katzendame von einer Familie, die ins Ausland zog. Ihr Notizbuch war voller Namen, Telefonnummern und Notizen über Hunde und Katzensenioren. Sie war das Herz und der Motor der Initiative Senioren für Senioren, die inzwischen Dutzenden von Tieren und Menschen ein neues gemeinsames Leben geschenkt hatte. Als sie auflegte, stupste Flux sie sanft mit der Nase an. Sie blickte auf ihn hinab, dann wieder in die geschäftige Halle. Sie war immer noch eine Beobachterin des Lebens, aber nun stand sie nicht mehr am Rand. Sie stand mittendrin, eine Frau, die ihre Bestimmung nicht in der Flucht vor der Verantwortung gefunden hatte, sondern in der Freiheit, diese selbst zu wählen.

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