Geld wächst nicht auf den Bäumen

Geld wächst nicht auf den Bäumen

Die Stille in der Wohnung ihrer Mutter war anders als jede andere Stille, die Sophie kannte. Sie war keine friedliche Stille, die zum Ausruhen einlut. Es war eine laute, schwere Stille, die nach frisch gewaschener Wäsche, Mottenkugeln und einem Leben voller Sparsamkeit roch. Sophie, eine Frau in den ern, stand mitten im Wohnzimmer und fühlte, wie die Kälte der gefließten Böden langsam ihre Füße hinaufkroch. Es waren drei Tage seit der Beerdigung vergangen. Der Schmerz über den Verlust war da, ein dumpfer, stetiger Puls. Aber unter dem Schmerz lag etwas älteres, etwas Kälteres, ein tief sitzender Groll, den sie ihr ganzes Leben mit sich herumgetragen hatte. Ihr Blick fiel auf das alte Sofa. Der Stoff war an den Armlehnen fadenscheinig, aber an einer Stelle sah man eine saubere, fast unsichtbare Naht, wo ihre Mutter einen Riss geflickt hatte. Sophie seufzte. Ihre Mutter war eine Meisterin der Sparsamkeit gewesen. Nicht nur bei Geld, sondern, so fühlte es sich für Sophie an, auch bei der Liebe. Alles war immer praktisch, nützlich, langlebig. Große Gesten, warme Worte oder eine spontane Umarmung waren Luxusartikel, die in diesem Haushalt keinen Platz hatten. Nun war es an Sophie, dieses sparsame Leben aufzulösen, Stück für Stück. Es fühlte sich mehr wie eine Pflicht an, als ein letzter Liebesdienst. Sie begann mit dem großen Kleiderschrank im Schlafzimmer. Als sie die quietschende Tür öffnete, fiel ihr ein alter Katalog von C&A aus den neunziger Jahren entgegen und sofort war die Erinnerung da, so klar, als wäre es gestern gewesen. Sophie war zwölf und stand mit ihrer Mutter in der Abteilung für Kinderbekleidung. Sie flehte um eine modische Jeansjacke, genau wie die, die ihre Freundinnen trugen. Sie war bunt mit Aufnähern, das coolste Ding der Welt. Ihre Mutter aber zeigte auf eine dunkelblaue, unscheinbare Jacke. “Das ist zu teuer und unpraktisch”, sagte ihre Mutter mit fester Stimme. “Diese hier hält länger. Sophie hatte damals Tränen in den Augen. Es ging nicht um die Jacke. Es ging darum, dass sie sich schämte, dass sie sich ungeliebt fühlte, weil ihre Mutter ihren tiefsten Wunsch einfach als unpraktisch abtat. Sophie schüttelte die Erinnerung ab und griff tiefer in den Schrank. Ihre Hände stießen gegen eine alte Keksdose aus Blech. Ein weiteres Bild blitzte auf. Ihr zehnter Geburtstag. Ihre Freundinnen saßen um den Tisch und der prächtige Schokoladenkuchen, den eine von ihnen mitgebracht hatte, war der strahlende Mittelpunkt. Doch ihre Mutter stellte fast wie aus einem inneren Zwang heraus die Dose mit den einfachen Butterkeksen direkt daneben, die es in dieser Woche im Angebot gab. Sophie sah die mitleidigen Blicke ihrer Freundinnen, die nicht verstanden, warum die Kekse neben dem schönen Kuchen stehen mussten, und wollte im Boden versinken. Warum konnte ihre Mutter nicht sein einziges Mal normal sein? Warum musste jeder Cent zweimal umgedreht werden? Selbst an ihrem Geburtstag? Sie Schloss den Schrank und ihr Blick fiel auf den Lichtschalter neben der Tür. Wie oft hatte sie diese Worte gehört, die sich in ihr Gedächtnis gebrannt hatten? Sophie, mach das Licht aus. Geld wächst nicht auf den Bäumen. Es war der Soundtrack ihrer Kindheit. Ein ständiges Ermahnen, ein ständiges Gefühl, eine Last zu sein. Frustriert und den Tränen nahe beschloss Sophie die letzte Ecke des Schranks auszuräumen, um endlich fertig zu werden. Ganz hinten, unter einem Stapel frisch gestärkter Bettwäsche, die nach Lavendel roch, spürten ihre Finger etwas Hartes, Kaltes, eine alte, schwere Metallkassette. Sie war nicht abgeschlossen. Sophie hub den Deckel und starrte hinein. Kein Schmuck, keine alten Liebesbriefe, nur ein einziges altes, abgegriffenes Sparbuch der örtlichen Sparkasse. Sie nahm es heraus. Auf dem Deckel stand in krakelig Schrift ihr Name: Sophie. Sie runzelte die Stirn. Davon hatte sie nie gewusst. Neugierig schlug sie es auf. Die erste Einzahlung war kurz nach ihrer Geburt und dann Monat für Monat, Jahr für Jahr war da eine Einzahlung verzeichnet. Es waren nie große Summen, manchmal nur 20 Mark, später 10 oder 15€. Kleine, fast lächerliche Beträge. Sophie blätterte weiter und plötzlich erstarrte sie. Ihr Finger blieb auf einem Datum hängen. Es war der Tag, an dem ihre Mutter ihr die modische Jacke verweigert hatte. An diesem Tag waren 20 Mark auf das Konto eingezahlt worden. Sie blätterte weiter, ihr Herz begann zu hämmern. Sie fand das Datum ihres zehnten Geburtstags, den Tag mit den billigen Keksen, eine Einzahlung von  15€. Seite für Seite entfaltete sich vor ihr die wahre Geschichte ihrer Kindheit. Jeder Verzicht, jede Ermahnung, jede als Knausrigkeit empfundene Handlung war hier dokumentiert, nicht in Worten, sondern in Zahlen. Und dann zwischen den letzten Seiten fand sie eine kleine vergilbte Notiz. Die Handschrift ihrer Mutter war zittrig. Darauf standen nur acht Worte für Sophies Zukunft, damit sie es leichter hat. In diesem Moment brach der Damm. Die Tränen, die nun unaufhaltsam über ihre Wangen liefen, waren anders. Es waren keine Tränen der Trauer oder des Grolls. Es waren Tränen der schmerzhaften, überwältigenden Erkenntnis. Sophie saß auf dem kalten Boden, umklammerte das kleine Buch wie einen Schatz und weinte hemmungslos. Als die Tränen nachließen, hob sie den Kopf und blickte sich erneut im Zimmer um. Aber sie sah es mit völlig neuen Augen. Das geflickte Sofa war kein Zeichen von Geiz mehr. Es war ein Denkmal des Opfers. Das ständige Licht ausschalten war keine Zurechtweisung. Es war eine Investition in ihrer Sicherheit. Jede verweigerte Süßigkeit, jeder praktische Pullover, jeder im Sonderangebot gekaufte Keks. Es waren keine Akte der Lieblosigkeit. Es waren die unsichtbaren Ziegelsteine, aus denen ihre Mutter allein und in aller Stille eine Festung für sie gebaut hatte. Sie hatte ihr Leben lang nach einer lauten, überschwänglichen Liebe gesucht, nach den großen Gesten aus den Filmen, nach den warmen Worten aus den Büchern. Sie hatte ihre Mutter verurteilt, weil sie diese Sprache nicht sprach. Jetzt verstand sie. Ihre Mutter sprach eine andere Sprache der Liebe, eine leisere, aber vielleicht viel tiefere. Es war die Sprache der Verantwortung, der Vorsorge, der stillen Tat. Es war keine Liebe, die schrie: “Ich liebe dich”, sondern eine, die jeden Tag flüsterte: “Ich sorge für dich.” Und vielleicht, so dachte Sophie, während sie das Sparbuch an ihr Herz drückte, war das die stärkste Sprache von allen. Die kalte Wohnung fühlte sich auf einmal nicht mehr kalt an. Sie war erfüllt von der stillen, unzerstörbaren Wärme der wahren Liebe einer Mutter.

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