Die Kunst der Dankbarkeit

In einer schmalen kopfsteingepflasterten Gasse der Heidelberger Altstadt, wo die Häuser sich aneinander zu lehnen schienen, verbarg sich die Werkstatt von Herrn Alwin. Über der Tür hing ein bescheidenes Schild. Buchrestaurierung. Aber Alwin selbst nannte diesen Ort im Stillen Anders, seine Bücherklinik. Für ihn war jedes Buch, das hier landete, ein Patient. Und er war der müde Arzt, der einen endlosen Kampf gegen die zerstörerische Macht der Zeit führte. Seine Tage waren erfüllt vom Geruch alten Papiers von Staub und Leim. Doch die Romantik darin spürte er schon lange nicht mehr. Stattdessen sah er nur die vergilbten Wasserflecken auf den Seiten, die Narben von Rissen und die Brüche abgenutzter Einbände. War es denn so schwer, sorgfältig mit den Dingen umzugehen? murmelte er vor sich hin, während er behutsam die Seite eines Folianten aus dem Jahrhundert glättete. Seine Arbeit, einst eine Leidenschaft, war zu einer täglichen Erinnerung daran geworden, dass alles in der Welt verdirbt, zerbricht und vergeht. Eines Tages durchbrach das leise Klingeln des Glöckchens über der Tür die Stille der Werkstatt. Auf der Schwelle stand ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt. Mit großen neugierigen Augen. In seinen Händen hielt er etwas, das Alwin zuerst für einen Haufen Abfall hielt. Es war ein altes Kindermärchenbuch. Sein Einband war fast abgerissen, die Ecken waren bestoßen und einige Seiten von unbeholfener Kinderhand bekritzelt. “Guten Tag”, flüsterte der Junge. “Können Sie es retten?” Alwin nahm das Buch mit einem Ausdruck leichten Wiederwillens entgegen, wie ein Chirurg einen hoffnungslosen Fall begutachtet. Mit professionellem Blick taxierte er die Schäden. “Mein Junge”, sagte er und versuchte nicht zu schroff zu klingen. “Hier gibt es nichts zu retten, das ist Makulatur. Für das Geld, das die Reparatur kosten würde, kannst du dir zehn neue schöne Bücher kaufen.” Doch der Junge gab nicht nach. Seine Augen blitzten auf. “Nein”, sagte er bestimmt. “Das ist keine Makulatur. Es ist das Buch meines Großvaters. Es ist voller Schätze.” Alwin zog skeptisch eine Augenbraue hoch. “Schauen Sie”, fuhr der Junge fort und schlug das Buch auf. Sein kleiner Finger zeigte auf einen braunen Fleck auf der Seite, auf der eine Hexe und ihr Lebkuchenhaus abgebildet waren. “Das ist ein Kakaofleck. Mein Opa und ich haben dieses Märchen im Winter gelesen, heißen Kakao getrunken und so gelacht, dass ich ein bßchen verschüttet habe. Dieser Fleck erinnert sich an unser Lachen. Er blätterte eine Seite um und hier? Er zeigte auf einen Drachen, dem jemand einen zweiten Kopf gemalt hatte. Da habe ich Opa geholfen, ihn furchterregender zu machen, weil er meinte, der Drache seähe gar nicht gefährlich aus. Sein Finger deutete auf ein Eselsohr an einer anderen Seite. Und das ist die Seite, auf der mein Opa immer eingeschlafen ist, wenn er mir vorgelesen hat. Der Junge hob den Blick zum alten Meister. Sie sehen nur Flecken und Risse, aber ich sehe Schätze. Und welche Schätze verstecken ihre Bücher, Herr Alwin? Diese einfache Kinderfrage traf Alwin wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er nahm das Buch wortlos an sich und bat den Jungen in ein paar Tagen wiederzukommen. Allein zurückgeblieben starrte er lange auf das ramponierte Buch. Dann mit einem Seufzer machte er sich an die Arbeit. Aber dieses Mal war etwas anders. Er arbeitete mit der Sorgfalt eines Archäologen, der keine wertlosen Überreste, sondern heilige Reliquien berührt. Er klebte nicht nur Risse, er bewahrte die Spuren des Lachens. Er glätterte nicht nur Seiten, er bewahrte die Erinnerung an Wärme. Nachdem er mit Lukas Buch fertig war, trat er an eines seiner Regale. Er nahm einen alten Gelichtband zur Hand, der auf seine Restaurierung wartete. Zwischen den Seiten fand er etwas, dass er nie zuvor bemerkt hatte. Ein winziges, perfekt getrocknetes Pfeilchenblatt. Plötzlich stellte er sich ein junges Mädchen vor, das vielleicht vor einem Jahrhundert als Andenken an ein erstes Rendezvu dort hinterlassen hatte. Er öffnete ein anderes Buch, ein schweres wissenschaftliches Traktat. Am Rand, neben komplexen Formeln, standen mit der zitternden Handschrift eines Studenten Notizen: “Ich schaffe das. Diese Entdeckung wird mir gelingen. Er nahm eine alte Bibel. Auf der ersten Seite war eine kaum leserliche Widmung zu erkennen. Meinem Sohn Karl mit Gebet und Liebe. Mama Alwin setzte sich in seinen Sessel. Er war nicht von Patienten umgeben. Er war umgeben von Liebesgeschichten, Träumen, Hoffnungen und elterlicher Zuneigung. Plötzlich verstand er, er war kein Arzt, der den Verfall bekämpfte. Er war ein Hüter menschlicher Erinnerungen. Seine Aufgabe war es nicht, die Spuren des Lebens zu verwischen, sondern sie für die Ewigkeit zu bewahren. Als Lukas ein paar Tage später zurückkehrte, wirkte die Werkstatt anders. Die Luft war dieselbe, aber sie fühlte sich leichter an. Herr Alwin empfing ihn mit einem kaum merklichen, aber aufrichtigen Lächeln. “Dein Schatz ist fertig”, sagte er und reichte dem Jungen das perfekt restaurierte Buch. Lukas stieß einen bewundernden Laut aus. “Aber ich möchte dir noch etwas zeigen”, fügte Alvin hinzu und präsentierte dem Jungen vorsichtig das Pfeilchenblatt. “Das ist ein Schatz aus einem anderen Buch. Ich habe angefangen, sie zu sammeln. Herrn Alwins Werkstatt war keine Klinik mehr. Sie war zu einer Schatzkammer geworden und er selbst hatte sich am meisten verändert. Er verstand, dass sein Leben genau wie diese alten Bücher, nicht nur aus Fehlern, Verlusten und Schäden bestand, es war auch mit einer unsichtbaren Tinte geschrieben, mit Momenten der Freude, der Wärme, der Liebe und der stillen Dankbarkeit. Und er hatte endlich gelernt, sie zu lesen. Dankbarkeit bedeutet nicht, die Mängel und Probleme unseres Lebens zu ignorieren. Sie ist die Kunst, durch sie hindurchzusehen. Sie ist die Fähigkeit, die unsichtbare Tinte zu lesen. Die Spuren von Liebe, Freude und Schönheit, die auf den Seiten jedes unserer Tage zurückbleiben. selbst wenn die Seiten selbst von der Zeit zerfleddert sind.